Anmod.:
Was man liebt, merkt man oft erst, wenn es einem fehlt. So geht es wohl so manchem mit der Sonne dieses Jahr. Wurde letztes Jahr über die Hitze gestöhnt, so hält sie sich diesmal vornehm zurück. Doch gerade der Mangel beflügelt die Phantasie. Eva Simon hat sich auf eine literarische Suche nach der Sonne begeben und bringt sie uns – wenn wir sie schon nicht auf der Haut spüren – wenigstens akustisch nahe. Wenn der Sommer also einmal nicht so mitspielt wie wir das gerne hätten, dann könnte man ja immerhin versuchen, mit um so größerer Sehnsucht – und um so größerem Genuß – die Sonne in der Literatur zu goutieren.
Beitrag:
Sie ist 25.000 Lichtjahre vom Zentrum der Galaxis entfernt, hat einen Durchmesser von einer Million dreihundertzweiundneunzig tausend Kilometern und macht 99,8 Prozent der Gesamtmasse des Sonnensystems aus. Jede Sekunde werden in ihrem Kern 700 Millionen Tonnen Wasserstoff zu 695 Millionen Tonnen Helium fusioniert, und das wird noch etwa 5 Milliarden Jahre so weitergehen; dann wird der Wasserstoff verbraucht sein, sie wird sich zu einem roten Riesen aufblähen und die Planeten in ihrer Nähe einfach schlucken. Bis dahin wird die Sonne im Bewußtsein der Menschen – sofern es dann noch welche gibt – weiterhin eine Sonderrolle einnehmen. Ohne diese Energiespenderin wäre Leben auf der Erde schließlich gar nicht möglich. So erstaunt es kaum, daß die Sonne in vielen Kulturen als Gottheit verehrt wurde; sei es als Re im alten Ägypten, als Helios im antiken Griechenland oder als Malina bei den Inuit.
ATMO: SPHÄRISCHE, SCHWEBENDE, FLIRRENDE MUSIK, kurz stehenlassen, dann unterlegen bis Zitat
Seit der Antike gibt es die Vorstellung von der Sphärenharmonie, das heißt, daß die Planeten eine Musik vollführen, die die Menschen aber nicht hören, weil sie von Geburt an daran gewöhnt sind. Auf dieses Bild der Weltharmonik nimmt auch Goethe in seinem Faust am Anfang des „Prologs im Himmel“ bezug:
SPRECHER:
Die Sonne tönt nach alter Weise
In Brudersphären Wettgesang,
Und ihre vorgeschriebne Reise
Vollendet sie mit Donnergang.
Kein Wunder, daß wir von „flirrender Hitze“ sprechen – die Sonne spricht nicht nur über ihre Wärme zu uns, sondern auch akustisch. In der Literatur ist aber nicht nur dieser Aspekt – sozusagen der planetarische – ein verbreitetes Motiv, sondern die Sonne kann auch als Pars pro Toto für den Sommer herhalten, als Bedrohung, oder sogar als Symbol für die Natur insgesamt, wenn Max Frischs „Homo Faber“ schaudernd vor Ekel berichtet, wie er in Guatemala im Matsch feststeckt:
ATMO: INSEKTENSUMMEN, DSCHUNGELGERÄUSCHE, kurz stehenlassen bis Ende Zitat SPRECHER:
Wir pfiffen und hupten, während die Sonne bereits in den grünen Tabak sank – wie gedunsen, im Dunst wie eine Blase voll Blut, widerlich, wie eine Niere oder so etwas.
Für Faber, den Inbegriff des Technikers, ist alles, was sich seinem Einfluss entzieht, erschreckend – so auch die Sonne als Ursprungsgewalt der Natur.
ATMO: MITTAGSGERÄUSCHE EINER SÜDLICHEN STRASSE, kurz stehenlassen, dann unterlegen bis Ende Zitat
Viel positiver dagegen ist das Muttergestirn bei Marcel Proust besetzt. Sein Mammutwerk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ wimmelt geradezu von verlockenden Sommerbildern.
SPRECHER:
Während das Küchenmädchen (...) den Kaffee servierte, der nach Mamas Feststellung nur aus heißem Wasser bestand, (...) streckte ich mich mit einem Buch in der Hand auf dem Bett in meinem Zimmer aus, das zitternd seine durchsichtige, zerbrechliche Kühle gegen die Nachmittagssonne hinter festgeschlossenen Fensterläden verteidigte, durch die ein Lichtstrahl dennoch seinen gelben Flügel hatte schieben können, der nun wie ein ruhender Schmetterling unbeweglich zwischen dem Holz der Jalousien und der Fensterscheibe hing.
Die Hitze der Sonne wird so gerade durch ihr Gegenteil fühlbar gemacht, durch den lesenden Marcel. Aber lassen wir diesen Kunstgriff Proust selbst weiter ausführen:
SPRECHER:
Die dunkle Kühle meines Zimmers verhielt sich zur besonnten Straße wie der Schatten zum Licht, das heißt, ihre Intensität war genauso groß; sie schenkte mir in der Phantasie das volle Schauspiel des Sommers, von dem meine Sinne auf einem Spaziergang zum Beispiel nur jeweils Teilaspekte hätten genießen können.
Ob dieser Trick allerdings auch funktioniert, wenn draußen gar keine Hitze herrscht, ist zu bezweifeln. Doch ob die Sonne nun scheint oder nicht – es ist anzunehmen, daß Proust ohnehin die meiste Zeit seines Lebens im Zimmer verbrachte. Anders hätte er die siebzehn Bände seines Meisterwerks schließlich nicht fertig bekommen.