Rolf Degen: Vom Höchsten der Gefühle – Wie der Mensch zum Orgasmus kommt Anmod.: Beitrag: Der französische Schriftsteller Jean Cocteau entwickelte die Kunst des mentalen Höhepunktes offenbar zur Vollkommenheit: Er soll seine Partygäste unterhalten haben, indem er sich nackt vor der versammelten Menge auf einem Bett niederliess und sich dann durch pure Willenskraft in eine Erektion und schliesslich in einen Orgasmus hineinsteigerte. Geht man davon aus, dass die Natur nichts verschenkt, stellt sich die Frage, warum wir überhaupt fähig zum Orgasmus sind. Zweifellos muss der Orgasmus unserer Vorfahren ihnen einen selektiven Vorteil vor ihren frigiden Artgenossen gebracht haben – sonst wäre er überhaupt nicht entstanden. Offensichtlich hat es sich bewährt, ein Lockmittel für die Fortpflanzung einzusetzen. Schliesslich sind unsere Körper höchst raffinierte Überlebensräume für unsere Gene, die es einzig und allein darauf anlegen, sich so schnell wie möglich zu verbreiten. Zu diesem Zweck ist ein neuer Körper das beste Mittel, und darum ist es im Interesse der Gene, dass sich ihr Wirt, der Mensch, möglichst ausgiebig paart. Um zu gewährleisten, dass er das tut, erfand die Natur den Orgasmus, den „süßen Lohn für die Reproduktion“, wie Rolf Degen sein erstes Kapitel genannt hat. In Museen, Bibliotheken, Galerien, Theatern und Opernhäusern umgeben uns demnach die „erweiterten Egos“ derjenigen, die gedichtet, gemalt, gebaut und komponiert haben, um das weibliche Publikum zu beeindrucken. Das Weltkulturerbe besteht zum überwiegenden Teil aus den Hinterlassenschaften der grössten Angeber der Weltgeschichte. Daraus folgt eine These, die aktuellen Sprengstoff in sich birgt. Degen hat den islamischen Fundamentalismus im Hinterkopf, wenn er sagt: Da die sexuelle Lust und der Orgasmus ein Raketentriebwerk für den kulturellen und technischen Fortschritt bilden, muss die Unterdrückung des Triebes unweigerlich zurück ins Mittelalter führen. In sexualfeindlichen Kulturen leidet daher nicht nur die Lebensfreude, sondern auch der Intellekt. Der Orgasmus, das privateste aller Erlebnisse, mündet so ins Politische. Dass das hier auf so zwingende und dennoch unaufdringliche Weise geschieht, ist das Verdienst des Autors, wohl aber auch des Themas selbst. Wie Degen im Vorwort schreibt, hat die intellektuelle Arbeit über den Orgasmus ihm besonders viel Spaß gemacht: Beim Nachdenken über den Orgasmus kann man offenbar etwas von seinem euphorischen Schauer fühlen. Das kann die Rezensentin bestätigen, und so bleibt nichts, als dem Hörer den euphorischen Schauer bei der Lektüre zu wünschen – wenn er denn nicht gleich zur Praxis übergehen will. |