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Rolf Degen: Vom Höchsten der Gefühle – Wie der Mensch zum Orgasmus kommt
von Eva Simon

Anmod.:
 Für den Beischlaf gibt es eine Unzahl umgangssprachlicher Begriffe. Für das Ziel des ganzen aber, den Orgasmus, kein Einziges. Diese erstaunliche Tatsache ist nur eine unter vielen, die den Wissenschaftsjournalisten Rolf Degen dazu verleitet hat, sich ausfühlich mit dem Thema zu beschäftigen. Entstanden ist eine höchst interessante und vergnügliche Zusammenfassung der Geschichte des Orgasmus – und des wissenschaftlichen und kulturellen Sprechens über ihn. Eva Simon hat das Buch mit dem Titel „Vom Höchsten der Gefühle – Wie der Mensch zum Orgasmus kommt“ für uns gelesen. Wir hoffen, dass ein kleiner Teil des Prickelns, das das Thema mit sich bringt, sich auch auf Sie, liebe Hörer, überträgt.

Beitrag:
Alles, was Spass macht, verursacht Krebs, lässt Gehirnzellen absterben, macht dick oder ist so teuer, dass man es sich nicht leisten kann. Alles? Nicht ganz. Eine Sache gibt es, die fit hält, glücklich macht, und im Normalfall keinen Cent kostet. Sie wird „die schönste Sache der Welt“ genannt, und man kann gar nicht zu viel von ihr kriegen. Sie werden es sich denken – von Sex ist hier die Rede. Oder vielmehr von dem, wozu Sex im besten Falle führt: dem Orgasmus. „Vom Höchsten der Gefühle“ hat Rolf Degen sein Buch über den menschlichen Orgasmus genannt, und in der Tat lässt sich schwerlich eine grössere Extase vorstellen als die, die während der Sekunden des Höhepunktes durch den Körper jagt. Und damit noch nicht genug: Je öfter man dieser vergnüglichen Tätigkeit frönt, desto höher die Lebenserwartung, desto geringer das Risiko, eine Herz-Kreislauf-Krankheit zu bekommen, desto wahrscheinlicher entgeht man der Winterdepression. Rolf Degen fasst diese erfreulichen Tatsachen knapp zusammen: „Sünder sind gesünder.“ Nebenwirkungen? Keine. Und selbst wer keinen Partner hat, braucht nicht zu verzweifeln: Wer masturbiert, ist im Durchschnitt immer noch glücklicher als seine sexuell völlig unaktiven Zeitgenossen. Rolf Degen spart nicht mit ausgefallenen Anekdoten, die zeigen: Es gibt nichts, das es nicht gibt.

Der französische Schriftsteller Jean Cocteau entwickelte die Kunst des mentalen Höhepunktes offenbar zur Vollkommenheit: Er soll seine Partygäste unterhalten haben, indem er sich nackt vor der versammelten Menge auf einem Bett niederliess und sich dann durch pure Willenskraft in eine Erektion und schliesslich in einen Orgasmus hineinsteigerte.

Geht man davon aus, dass die Natur nichts verschenkt, stellt sich die Frage, warum wir überhaupt fähig zum Orgasmus sind. Zweifellos muss der Orgasmus unserer Vorfahren ihnen einen selektiven Vorteil vor ihren frigiden Artgenossen gebracht haben – sonst wäre er überhaupt nicht entstanden. Offensichtlich hat es sich bewährt, ein Lockmittel für die Fortpflanzung einzusetzen. Schliesslich sind unsere Körper höchst raffinierte Überlebensräume für unsere Gene, die es einzig und allein darauf anlegen, sich so schnell wie möglich zu verbreiten. Zu diesem Zweck ist ein neuer Körper das beste Mittel, und darum ist es im Interesse der Gene, dass sich ihr Wirt, der Mensch, möglichst ausgiebig paart. Um zu gewährleisten, dass er das tut, erfand die Natur den Orgasmus, den „süßen Lohn für die Reproduktion“, wie Rolf Degen sein erstes Kapitel genannt hat.
 Wenn man versucht, die Weltgeschichte vom Orgasmus her zu denken, ergeben sich interessante Blickwinkel: Was haben die Menschen nicht alles getan, um zum Orgasmus mit dem gewünschten Partner zu kommen. Im Extremfall kann man unser Gehirn als ein Werkzeug der Werbung bezeichnen, das sich gebildet hat, weil Frauen von jeher den Kreativen den Vorzug vor den Langweilern gegeben haben.

In Museen, Bibliotheken, Galerien, Theatern und Opernhäusern umgeben uns demnach die „erweiterten Egos“ derjenigen, die gedichtet, gemalt, gebaut und komponiert haben, um das weibliche Publikum zu beeindrucken. Das Weltkulturerbe besteht zum überwiegenden Teil aus den Hinterlassenschaften der grössten Angeber der Weltgeschichte.

Daraus folgt eine These, die aktuellen Sprengstoff in sich birgt. Degen hat den islamischen Fundamentalismus im Hinterkopf, wenn er sagt:

Da die sexuelle Lust und der Orgasmus ein Raketentriebwerk für den kulturellen und technischen Fortschritt bilden, muss die Unterdrückung des Triebes unweigerlich zurück ins Mittelalter führen. In sexualfeindlichen Kulturen leidet daher nicht nur die Lebensfreude, sondern auch der Intellekt.

Der Orgasmus, das privateste aller Erlebnisse, mündet so ins Politische. Dass das hier auf so zwingende und dennoch unaufdringliche Weise geschieht, ist das Verdienst des Autors, wohl aber auch des Themas selbst. Wie Degen im Vorwort schreibt, hat die intellektuelle Arbeit über den Orgasmus ihm besonders viel Spaß gemacht:

Beim Nachdenken über den Orgasmus kann man offenbar etwas von seinem euphorischen Schauer fühlen.

Das kann die Rezensentin bestätigen, und so bleibt nichts, als dem Hörer den euphorischen Schauer bei der Lektüre zu wünschen – wenn er denn nicht gleich zur Praxis übergehen will.


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